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Artikel

Diagnostische Sensibilität von Lehrpersonen im Berufsschulunterricht: Explorative Prozessanalysen mittels Continuous-State-Sampling

Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik
Band 111 / 2015 / Heft 3
S. 437–454

Details

Lehrkräfte erbringen schülerbezogene Diagnoseleistungen nicht nur summativ-anlassbezogen wie etwa bei der Zeugniserstellung. Auch während des Unterrichts müssen sie das Verhalten der Schüler/innen kontinuierlich bewerten, um hieraus Schlüsse über Lernfortschritte zu ziehen und didaktische Feinjustierungen vornehmen zu können. Obwohl die Treffsicherheit solcher Urteile als unverzichtbare Voraussetzung der Unterrichtsqualität gilt, wurde sie bislang kaum prozessbegleitend in natürlichen Settings untersucht. Der vorliegende Beitrag setzt sich zunächst literaturgestützt mit den spezifischen Anforderungen pädagogischer Prozessdiagnosen und möglichen Bedingungsfaktoren intraindividuell schwankender Einschätzungsgenauigkeiten auseinander. Anschließend werden detaillierte Einzelfallanalysen von zwei Berufsschullehrkräften berichtet, deren klassenbezogene Urteile über das aktuelle Verstehen und die situative Langeweile im Verlauf von je neun Unterrichtsstunden engmaschig in zehnminütigen Intervallen erfasst und mit korrespondierenden Selbsteinschätzungen der Schüler/innen verglichen wurden. Die statistischen Auswertungen erhellen nicht nur, wie akkurat diese Lehrkräfte didaktisch relevante Schülermerkmale einzuschätzen vermögen, sondern auch, wie lehrerseitig wahrgenommene und videografierte Unterrichtsmerkmale die Urteilsgenauigkeit beeinflussen. Unter anderem zeigt sich, dass der leistungsnahe State-Parameter des aktuellen Verstehens grundsätzlich exakter eingeschätzt wird als derjenige des situativen Langeweileempfindens, und dass eine hohe Urteilsgenauigkeit für diesen Parameter vor allem im dialogischen Austausch mit den Schüler/innen, d.h. in Phasen des Lehrgesprächs, erreicht wird. Einer hypothesengenerierenden Logik entsprechend werden zuletzt Anregungen für künftige Untersuchungen gegeben.

Teachers’ tasks of assessing student characteristics are not confined to specific occasions, for example when issuing formal and summative certificates. Instead, teachers have to monitor and judge students’ behavior continuously in each and every lesson in order to draw conclusions on their learning progress and on adequate didactical reactions. Although the accuracy of such judgements is deemed to be an indispensable requisite of teaching quality, it has seldom been examined empirically through in-process and in-situ measurements. This article first discusses the distinctive requirements of continuous pedagogical assessments and the conditional factors of intra-individual variations in judgement accuracy. Then, it presents findings from detailed case studies in which the judgements of two vocational teachers on students’ situational understanding and boredom - measured in intervals of 10 minutes in the course of nine lessons each - were compared to corresponding self-assessments of their students. Statistical analyses do not only reveal how well these teachers manage to assess class-specific levels of understanding and boredom at each point in time, but also how their judgement accuracy is affected by both subjectively perceived and videotaped characteristics of ongoing instructional processes. Results suggest, among other things, that teachers judge varying states of students’ understanding more accurately than varying states of boredom and that accuracy is particularly high in phases of dialogic exchange with the students, i.e. during guided classroom dialogue. In line with a hypothesis-generating approach, fruitful directions of follow-up studies are proposed.

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